Stellen wir uns vor, ein junger Mensch ist gerade im letzten Drittel seines letzten Jahres in der Schulausbildung zum mittleren Bildungsabschluss. Dieser Mensch hat noch keine Perspektive, nur eine grobe berufliche Richtung steht fest. Die überlebenswichtige “Lehrstelle” ist noch nicht gefunden. Das Privatleben zieren Probleme, die erste “große” Liebe ist seit geraumer Zeit am Bröckeln. Jegliche Gedanken an die Zukunft nach der Realschule stimmen diesen Menschen traurig. Da ihn jeder darauf anspricht, was er nach der Schule vor hat, ist er von allen Seiten unter Druck gesetzt – vor allem, weil die Abschlussprüfungen noch anstehen. Dieser Mensch führt seit fast einem halben Jahr ein Blog, welches im Verlauf der Zeit immer mal wieder die Adresse für eine alternative Unterhaltung zum sonstigen Medienbrei war. Dieser Blog hat dem jungen Kerl ein paarmal geholfen, akute Sachverhalte zu verarbeiten. Frei nach dem Motto: “Schreib’s Dir von der Seele, dann hast Du’s los und andere was zu Lesen.”
Nennen wir diesen Menschen Peete. Peete streunt eines Tages zu einer seiner letzten Musikunterrichtseinheiten, als sein Lehrer für Wirtschaft und Recht seinen Weg kreuzt, mit einem Blatt Papier in der Hand.
“Stop, Leitner. Hat sich an Deiner Lehrstellensituation schon was geändert?”, fragt er. Peete verneint. “Dann hab’ ich hier was für Dich, ich habe gerade ein Fax gekriegt. Es gibt noch eine freie Lehrstelle in Deinem Interessengebiet, bewirb’ Dich da.”
Und das tut er auch, denn er weiß, dass er sonst ohne dasteht. Nach zahlreichen Anrufen bei der Firma, schriftlicher Bewerbung und einem Vorstellungsgespräch, 3 Tagen Probearbeit und einem spannenden Nachmittag steht es fest: Er macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme. Die Freude ist groß. So groß, dass die letzten Sommerferien noch gut ausgekostet werden, bevor es dann losgeht.
Das unendliche Glück ist gefunden.
Dreieinhalb friedvolle, problemlose und interessante Jahre später ist die Ausbildung geschafft und der Weg in eine steile Karriere geebnet.
So sollte es sein. Aber bleiben wir realistisch.
Nachdem Peete die Ausbildung begonnen hat, gibt es schon wenige Wochen später Probleme – denn er erfährt, dass die Verhältnisse im Ausbildungsbetrieb längst nicht so gedacht sind, wie das Konzept einer üblichen Ausbildung heutzutage aussieht. Ein Auszubildender ist eher das Ebenbild einer kostengünstigen Alleskraft, einer gehorsamen, etwas vielseitigeren Putzfrau. Wenn der Auszubildende einen Einwand bringt, ist er nicht ernst zu nehmen und noch weniger repräsentativ für die reale Situation. Vorschriften, sowie sämtliche Regelungen sind dazu da, gebrochen zu werden. Schulische Ausbildung ist zur Erholung des von den blöden Fragen genervten Kollegiales vorgesehen. Und damit der Lehrling nichtmehr so blöde Fragen stellt. In klärenden Gesprächen wird vermittelt, dass all das nur dazu gedacht ist, eine gesunde Arbeitsmoral herzustellen. Die Demut der Arbeit soll vermittelt werden.
Und nachdem ich jetzt zwei volle Jahre die Demut der Arbeit genießen durfte, reicht es. Von oben treten ist leicht – aber ab jetzt trete ich zurück!