Na endlich ist mal alles, wie es schon seit Eineinhalb Monaten hätte sein sollen. Fast alles. Dazu aber später.
Nachdem ich ja bei meiner Musterung einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gemäß Artikel 4 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes gestellt hatte (was zum Zeitpunkt der Musterung grundverkehrt war, da man dann als “für den Zivildienst taugt er schon” gemustert wird, was für meinen weiteren Verlauf nicht von Vorteil war und auch in keinem Fall mehr von Vorteil ist) gestellt hatte fühlte ich mich aus verschiedenen Gründen dazu verpflichtet, diesen wieder zurückzuziehen. An alle unerfahrenen in diesem Gebiet: Man sollte sich das gut überlegen, weil man damit viele Weichen für das spätere Leben stellt, ohne es erst zu bemerken.
Naja, auf jeden Fall musste ich demnach ja veranlassen, dass ich so schnell wie möglich zum Grundwehrdienst einberufen werden konnte. Somit war der 04.01.2010 der Termin, auf den ich mich “freuen” konnte. Nicht zuletzt wegen all dem “Spass”, den ich haben würde. Dieser “Spass” ist aber nicht zu verwechseln mit handelsüblichem Spaß, welcher in aller Regel mit Freude einhergeht. Deswegen schreibe ich den “Spass” von nun an auch bewusst falsch, damit jeder gleich weiß, worum es geht.
Als ich also am 04.01.2010 meiner Einberufung zum Grundwehrdienst gerecht werden musste hatte ich mich schon mit meinem ehemaligen Arbeitskollegen der Firma H. verabredet, welcher ziemlich zeitgleich mit mir die Ausbildung dort abgebrochen hatte. Auch er sollte Grundwehrdienst leisten. Nicht, weil er musste – sondern weil er wollte. Demnach machten wir uns auf die Reise zu den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall, wo wir schon mit all der militärischen Freundlichkeit empfangen wurden, wie man sie sonst nur an der Rütli-Hauptschule antreffen könnte…
Statt mit einem “Hallo” wurde ich von einem ‘halbgebackenen’ Menschen mit Dienstgrad auf der Schulter dazu aufgefordert, jetzt “Haltung anzunehmen”, “nicht so krumm und pisskurvig dazustehen” und mich jetzt den “Einschleusungsaktivitäten zu widmen”. In Bruchteilen von Sekunden wurde mir klar, dass jetzt für die nächste Zeit wohl Schluss mit meiner Menschenwürde ist. Es ist schade, sowas erst zu begreifen, wenn es zu spät ist. Doch das war erst der Anfang.
Am ersten Tag trug ich diesen Spass noch mit Fassung, da ich mich gewissermaßen schon mental darauf vorbereitet hatte, dass sich mein Leben jetzt verändern würde. Dass es jedoch in solchen Ausmaßen ablaufen würde, war auch mir nicht bekannt.
Im folgenden wurden wir aufgeklärt, wo unsere Stuben (“Zimmer gibt es nur im Puff, Soldat!”) waren. Zeitgleich bekamen wir noch die Bettwäsche ausgehändigt. Falsch: Wir empfingen unsere Bettwäsche.
Prinzipiell passierte an diesem Tag nichtmehr viel – außer, dass wir unsere Ausrüstung empfingen und lernten, wie man sich ausrichtet, welche “Steharten” es gibt usw.
Nach Herstellung unseres Spindaufbaues und ersten spassigen Triezeleien des Ausbildungspersonales durfen wir dann gegen 02.00 Uhr zu Bett gehen und ruhen (“Ein Soldat schläft nicht, er ruht!”). Diese Ruhe wurde um 04.00 Uhr jäh unterbrochen, indem die Tür aufgerissen wurde, das Licht angeschaltet wurde und man uns anschrie: “Aufstehen! Stehen Sie auf! Los! Los! Funktionieren Sie!” – noch bevor man wusste, wer man eigentlich war, war man aufgestanden, hatte sein Bett gemacht und den 70er-Jahre-Sportanzug angelegt. Der Befehl war, “vor den Stuben in Linie anzutreten”. Also versuchte der Zug auch, das wie gefordert auszuführen, was den Erwartungen der Ausbilder natürlich in keinster Weise entsprach. Man wollte schließlich auch die Zeit bis zur regulären Frühstückszeit überbrücken, da man uns viel zu früh geweckt hatte. Aber wie ich innerhalb des folgenden Monates immer wieder erfahren musste ist es bei der Bundeswehr nicht üblich, sich Fehler einzugestehen, wie auch neueste Medienereignisse zeigen.
Also durfte der komplette Zug immer wieder auf die Stuben weg- und vor den Stuben antreten, bis den Ausbildern das “annähernd gefiel”. Auslöser eines komplett neuen Antretens waren stets einzelne Soldaten. Ich persönlich würde das also als Kollektivbestrafung betrachten, aber das ist meine eigene Meinung, welche ich ja auch gemäß Artikel 5 GG frei äußern darf.
Nun ja. Als dann die letzten Männer ihre Rasur innerhalb von unschaffbaren 30 Sekunden, welche auch gestoppt wurden, korrigiert hatten (ich war auch darunter, warum weiß ich bis heute nicht) gab es dann noch kollektiven Anschiss. Kurz noch zur Korrektur der Rasur: Ich habe mit einem Nassrasierer trocken drüberziehen müssen. Es brannte die folgenden zwei Tage, aber okay…
Anschiss also für alle im Allgemeinen, für die Rasurkorrigierer im Speziellen. Uns wurde sehr lautstark in sehr scharfem Wortlaut mitgeteilt, dass wir ab nun darauf zu achten hätten, jeden Tag mit frischer Rasur anzutreten, und dass wir jetzt noch “großes Glück gehabt hätten, da wir jetzt noch nicht zur Einstellungsuntersuchung beim Arzt waren und deswegen noch nicht bespasst werden dürfen” – zusätzlich würde aber nicht auf zusätzliche “Bespassungen, halt dann nach der Einstellungsuntersuchung” verzichtet, wenn die ersten Tage jetzt nicht nach den Vorstellungen der Ausbilder laufen würden. Ob das rechtens ist wage ich persönlich zu bezweifeln.
Der folgende Tag bestand aus dem Erlernen von verschiedenen Inhalten des “Formaldienstes”, stets mit einer gehörigen Portion Anschiss angemischt. Die meiste Zeit wurde damit verbracht, den kompletten Zug vor dem Gebäude an- und dann auf die Stuben wegtreten zu lassen. Das sah in der Regel so aus, dass man vor dem Gebäude antreten musste, ohne jede weitere Erläuterung und mit Ärger (“Männer, das muss schneller gehen, funktionieren Sie!”) dann wieder auf die Stuben wegtreten musste, um dann den Vorgang weitere Male im Abstand von 20 Sekunden zu wiederholen. In meinen Augen reine Schikane, militärisch wohl wahrscheinlich auch nicht weiter sinnvoll.
Der erniedrigendste Aspekt dieses Trachtenvereines ist dieses ständige Anscheißen, dieser ständige Ärger wegen Dingen, für die man entweder nichts kann oder die man aufgrund eines unmöglichen Ansatzes niemals hätte schaffen können. Beispiele hierfür: Rasieren in 30 Sekunden, Antreten vor dem Gebäude in 10 Sekunden, Vor dem Gebäude wegtreten, einen bestimmten Ausrüstungsgegenstand aus dem abgeschlossenen Spind in der abgeschlossenen Stube holen, alles wieder abschließen und wieder vor dem Gebäude antreten in 45 Sekunden. Für mich zeugt es nicht gerade von Intelligenz, jemandem einen unschaffbaren Befehl zu erteilen und ihn danach dafür kleinzufalten, dass er den Befehl nicht erfüllen konnte. Es fällt mir ebenso schwer, wie so etwas erlaubt sein kann. Aber das ist meine eigene, persönliche Meinung.
Auf jeden Fall habe ich es geschafft, nach ein paar Tagen nochmal einen KDV-Antrag (Kriegsdienstverweigerung, s.o.) zu stellen und diesen durchzubekommen. Es hat lange gedauert und ohne die Zentralstelle KDV wäre es nie gegangen (Vielen Dank an dieser Stelle!).
Übrigens: Über die Dauer eines KDV-Verfahrens sollte sich NIEMAND belügen lassen. In der Regel dauert es etwa zwei Wochen, bis ein Antrag entschieden ist. Anfangs wurde mir gesagt, dass es drei Monate dauern würde!
Im Endeffekt durfte ich jetzt zum 10. Februar meinen Grundwehrdienst in Zivildienst umwandeln lassen und im örtlichen Krankenhaus die Arbeit beginnen. Nachdem ich zwei Tage dort gearbeitet habe habe ich mich leider mit dem Norovirus angesteckt, welches äußerst unangenehm ist (für diejenigen unter euch, die es nicht kennen: Es ist echt, wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes Scheiße). Hoffentlich geht das bald wieder.
Denn ich werde jetzt Dienst an der Gesellschaft leisten, anstatt mich inmitten von grün-braun-schwarz gekleideten Zinnsoldaten wiederzufinden, die eventuell rohe Schweineleber essen oder sich ins Koma saufen müssen. Ich werde jeden Abend vor dem Schlafengehen die Hand meiner Freundin nehmen und froh sein, dass ich es geschafft habe, wieder jeden Tag mit ihr aufwachen zu dürfen, mein Gesicht als Mensch zurückerlangt zu haben. Doch am meisten bin ich froh, dass dieser Wahnsinn endlich vorbei ist. Nennt mich weichgekocht, luschig oder sonstwas – aber ich bin froh, doch noch zur besten Lösung gefunden zu haben und gleichzeitig noch etwas für mein Umfeld zu tun. Denn wie ein hochrangiger Dienstgrad der Bundeswehr mir sagte:
“Zivildienstleistende machen da draußen wertvolle Arbeit. Ohne sie würde es echt mau aussehen!”
Falls er das jetzt gelesen hat (dieser Fall ist nicht auszuschließen): Gut, dass es wenigstens eine Gruppe von Menschen beim Bund gibt, die KDVler nicht für Null-Bock-Deserteure halten! Dass viele dort aufgrund systematischer Indoktrination gegenteiliger Meinung sind durfte ich an meinem letzten Bundeswehr-Tag noch oft genug feststellen. Zu diesem letzten Tag in der Kaserne habe ich mich gezwungen, weil ich mir ein letztes Mal zeigen wollte, dass es gut war, was ich getan habe. Und beinahe hätte ich es aufgrund der atemberaubenden Arbeitsgeschwindigkeit in der Bundeswehr mit einer weiteren Nacht in der Kaserne bezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte und soll auch ein anderes Mal erzählt werden.